Roadtrip durch Normandie, Bretagne, Cornwall, Wales, Irland und Schottland
Sand an den Füßen, freier Blick bis zum Horizont und der Geruch von Salz in der feuchten Luft – wir lieben wilde, ursprüngliche Küsten, wie ihr sie im Nordwesten Europas findet. Mit Schwung rollen die Wellen auf eine weite Sandfläche und auf bizarr geformte Felsen, das Wasser glitzert türkisblau und bildet einen krassen Farbkontrast zum üppigen Grün der Umgebung. Die Landschaft ist oft rau und karg – geprägt vom Wind, der ungebremst über die weite Wasserfläche des Atlantiks heranfegt. Landwirtschaft ist hier mühsam und in vielen Regionen leben mehr Schafe als Menschen. Wanderwege führen direkt an der Küste entlang oder durch das bergige Hinterland und viele Campingplätze liegen mitten in der Natur. Nordfrankreich und die Britischen Inseln sind eine durchaus lohnende Alternative zum gehypten Skandinavien, finden wir.
Baden an den »Wilden Küsten«
Ein endloser, menschenleerer Sandstreifen mit türkisblau schimmerndem Wasser – manche Strände im Norden sehen aus, als hättet ihr euch in die Karibik verirrt. Ein Irrtum, der sich schnell aufklärt, wenn ihr die Füße ins Wasser steckt. Während das Meer in der Bretagne und Südengland angenehme Temperaturen bis etwa zwanzig Grad erreichen kann und auch in Irland im Sommer durchaus im Meer gebadet wird, sind in den Paradiesbuchten von Balnakeil und Sango Sands im Norden von Schottland auch im Hochsommer kaum mehr als 12 Grad Wassertemperatur zu erwarten. Das hat den Vorteil, dass der Strand auch im Hochsommer wild und natürlich bleibt. Liegen und Sonnenschirme gibt es hier nicht und für einen ausgiebigen Strandspaziergang mit den Füßen im seichten Wasser reichen die nordischen Sommer-Temperaturen allemal.
Steinkreise, Dolmen und heilige Quellen – die mystische Seite der »Wilden Küsten«
Normandie, Bretagne, Cornwall, Wales, Irland und Schottland – diese Regionen gehören heute zwar zu unterschiedlichen Ländern, haben aber gemeinsame kulturelle Wurzeln. Sie stammen alle aus dem keltisch geprägten Kulturkreis. In jeder dieser Regionen gibt es eine alte Sprache, die noch von Teilen der Bevölkerung gesprochen wird. Ein weiteres Element der keltischen Kultur ist ihre Naturreligion. Die heiligen Orte, an denen die Druiden, die keltischen Priester, ihre Rituale feierten und mit der Götterwelt in Kontakt traten, waren alte Bäume und Haine, Quellen und andere besondere Orte in der Natur. Auch Menhire und Steinkreise, die aus einer noch früheren Zeit stammen, waren ihnen heilig. Ebenfalls zur Vorstellungswelt der Kelten gehört die mystische Anderswelt, die getrennt durch Nebelschleier neben der realen Welt existiert. Trolle und Feen und andere übernatürliche Wesen sind auch heute noch ein wichtiger Bestandteil des Volksglaubens, vor allem in Irland, Schottland, Wales und der Bretagne. Habt ihr das Glück alleine an einem Steinkreis oder in einer der faszinierenden Moor- oder Steinlandschaften zu stehen – vielleicht noch im Nebel oder in einem der zauberhaften Augenblicke, in dem die Sonne zwischen den Wolken eines dramatisch blauschwarzen Himmels hindurchstrahlt – dann wird die Existenz von luftigen Fabelwesen leicht vorstellbar.
Was gibt es an den »Wilden Küsten« sonst noch zu sehen?
Schottland ist berühmt für seine malerischen Burgruinen, in England sind es große Kirchen und Klosteranlagen, die im Zuge der Reformation im 16. Jahrhundert verlassen wurden und seitdem malerisch vor sich hinbröckeln. An der Küste gehören riesige Brandungspfeiler und Felsentore zu den eindrucksvollsten Spots. Einige davon sind so faszinierend, dass sie ihren Weg in alte und neue Geschichten gefunden haben. In Südengland könnt ihr auf den Spuren des mysteriösen Sagenkönigs Artus reisen und in Schottland und Irland befinden sich etliche Locations aus den Filmen Harry Potter, Game of Thrones und Star Wars. Neben spektakulären, aber auch bekannten und gut besuchten Spots wie zum Beispiel dem Mont-Saint-Michel, den Cliffs of Moher, den weißen Felsbögen von Étretat, den Felsformationen auf der Isle of Skye, den Skellig Rocks, Stonehenge oder Eileen Donan Castle gibt es auch viele unbekannte kleine Highlights zu entdecken, an denen ihr auch mal ganz alleine steht – vor allem wenn ihr bereit seid, dazu ein Stückchen zu laufen.
Wandern und Outdoorsport
Nicht nur Ruinen, Steinkreise und Wasserfälle sind lohnende Wanderziele an den »Wilden Küsten«. Oben im Norden führen spannende Pfade in eine einsame, karge Moorlandschaft mit grünen Bergen. In Südengland und Wales ist die Küste von einem durchgängigen Wanderweg gesäumt, auf dem ihr über schroffe Klippen von Sandbucht zu Sandbucht laufen könnt. Dabei reicht häufig schon ein kurzer Fußweg, um in eine ganz andere Welt einzutauchen. Unbedingt lohnend ist auch eine Wanderung durchs Watt zu einer der vielen Gezeiteninseln, die nur bei Ebbe trockenen Fußes erreichbar sind.
Ebbe und Flut am Ärmelkanal
Durch seine Lage zwischen den weiten Wasserflächen des Atlantiks und der eher geschützt liegenden Nordsee machen sich die Gezeiten im Ärmelkanal besonders stark bemerkbar. In Saint-Malo, der Piratenstadt an der Mündung der Rance, kann der Wasserstand zwischen Ebbe und Flut beispielsweise um 13 Meter steigen, am Mont-Saint-Michel sogar um 15 Meter. Ein vollständiger Gezeitenzyklus dauert etwas länger als 12 Stunden, sodass sich die Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser täglich verschieben. Bei unserer Reise entlang des Ärmelkanals ist der Blick in den Gezeitenkalender daher fast so wichtig wie die Wettervorhersage. Ob gerade Ebbe ist oder Flut, macht an vielen Stellen der Küste einen großen Unterschied. Es gibt Strände, die nur bei Ebbe auftauchen und mancher Ort liegt nur bei Flut direkt am Meer. So erlebt ihr an ein und demselben Spot zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedliche Landschaften.
Tiere beobachten an den »Wilden Küsten«
Wir lieben es, auf Wanderungen auf frei laufende Tiere zu treffen. Schafe, Highland-Rinder, Ponys sind auch immer ein attraktives Fotomotiv. Es geht aber auch etwas ungewöhnlicher. Seehunde trefft ihr in geschützten Buchten eher weiter im Süden (Irland, Südengland) an. Sie sind oft standorttreu und leicht zu beobachten. Um Delfine zu sehen, braucht ihr schon etwas mehr Glück. Sie sind am besten vom Boot aus zu beobachten. Unser persönlicher Favorit sind jedoch die Vogelinseln, auf denen Basstölpel und auch die witzigen Papageientaucher brüten. Basstölpel sehen aus wie überdimensionierte Möwen, im Gegensatz zu diesen jagen sie ihre Beute aber unter Wasser. Wenn also ein großer weißer Vogel über dem Meer ganz unvermittelt senkrecht hinabstürzt und im Wasser verschwindet, habt ihr gerade einen Basstölpel entdeckt. Gannets und Puffins, wie sie auf Englisch heißen, leben nur im nördlichen Teil unserer »Wilden Küsten«.
Wie ist das mit dem Wetter?
Ja, es gibt einen Grund, warum diese Inseln so grün sind. Schon in der Bretagne spricht man davon, dass ihr dort vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag erleben könnt. Durch die Insellage, die starken Gezeiten und weil fast immer ein bisschen Wind weht, sind die Wolken hier stets in Bewegung. Es regnet nie sehr lange, dann kommt die Sonne wieder durch die Wolken – und wenn das Wetter es besonders eilig hat, seid ihr plötzlich im Regenbogenland. Auch im Hochsommer bewegen sich die Temperaturen nur selten in Richtung 30 Grad. Trotzdem wachsen an der Westküste Irlands, in Cornwall und sogar auf den Orkneys an einigen Orten Palmen. Der Grund dafür ist der Golfstrom, der für milde Winter sorgt. Frost gibt es selbst im Norden Schottlands nur selten.
Die richtige Reisezeit ist daher Geschmackssache. Durch die vergleichsweise milden Winter ist eine Reise an den »Wilden Küsten« theoretisch ganzjährig möglich. Ab April und bis Ende Oktober könnt ihr meist mit angenehmen Temperaturen rechnen – und eine Sonnengarantie gibt es in der Bretagne, Irland und Schottland ja auch im Sommer nicht.
Campingplätze und Freistehen
Außerhalb der Hauptreisezeiten existieren in fast allen Regionen der »Wilden Küsten« noch Möglichkeiten zum Freistehen – auch wenn vertretbare und trotzdem schöne Freistehplätze auch hier jedes Jahr rarer werden. In Südengland seid ihr weitgehend auf offizielle Plätze angewiesen. Im Sommer öffnen dort jedoch viele Bauern ihre Wiesen für Camper, sodass ihr auch hier preisgünstige, legale Übernachtungsplätze finden könnt.
Wir haben uns oft für einen der offiziellen Camping-und Stellplätze entschieden, denn die sind in dieser Region oft richtig gut. Ihr könnt dort wirklich traumhaft schön und naturnah stehen. Besonders in der Bretagne gibt es viele kleine, einfache Campingplätze mit Stellplätzen direkt am Meer, aber auch in Irland und Schottland haben wir etliche Traumplätze gefunden. Unsere Favoriten stellen wir in unserem Vanlife-Guide als »Auszeit-Plätze« vor.
Die Vanlife-Guides aus dem Naturzeit-Verlag
Unsere Naturzeit Vanlife-Guides vermitteln eine Basis zur Orientierung vor Ort und einen Überblick über den Charakter einer Region. Einige Highlights stellen wir als »Spots« ausführlicher vor. Unsere Auswahl deckt sich dabei nicht unbedingt mit dem, was vor Ort als die »wichtigsten Tourismusattraktionen« gehandelt wird. Wir haben ausgewählt, was uns fasziniert und was für eine Region »besonders« ist. Darunter sind neben klassischen Sehenswürdigkeiten auch kleine Outdoor-Abenteuer wie Kanutouren, Wanderungen oder das Bad in einer heißen Quelle. In den Infos im Anhang geht es dann auch um ganz praktische Dinge wie zum Beispiel Maut, Stellplatzsuche und Regeln zum Freistehen. Außerdem gibt es einen über QR-Code aufrufbaren Online-Bereich, in dem wir aktuelle Zusatzinformationen und Updates zur Verfügung stellen.
Hier könnt ihr einen Blick in unser Buch »Wilde Küsten« werfen:
Hier geht es zu allen Vanlife Guides.
Text + Bilder: Stefanie Holtkamp, Andrea Bergmann

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